Über 30 Personen waren der Einladung des Vereins Städtepartnerschaft Oldenburg- Raqqa e. V. und der Stiftung Leben & Umwelt Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen zu einer Lesung mit Christopher Wimmer gefolgt. Der Referent stellte zunächst in einem etwa 50-minütigen Vortrag eine Zusammenfassung seines Buches „Alles muss man selber machen“ vor und las Auszüge aus dem Kapitel „Räte in Fernost: China von 1925 bis 1934“. Daran schloss sich eine noch einmal ebenso lange Diskussion an.

Gegenstand des Buches ist die Geschichte der Rätebewegungen, beginnend mit der Pariser Kommune, auch wenn es zahlreiche weit ältere Beispiele gibt. Der Referent stellte zunächst an zahlreichen historischen Beispielen (u. a. Russland 1905 und 1917, Polen nach dem zweiten Weltkrieg, Jugoslawien um 1950, Ungarn 1956, Syrien 2011, Chiapas, Rojava) wesentliche Prinzipien rätedemokratischer Gesellschaftsformen vor wie die Verankerung der Entscheidungsmacht an der Basis, verbunden mit einem imperativen Mandat für übergeordnete Strukturen, denen vor allem eine koordinierende Funktion zukomme. Er betonte, dass die Rätebewegung ein globales Phänomen sei und sich keineswegs nur auf die Zentren beschränke; so gab es schon Jahre vor der Pariser Kommune ähnliche Bewegungen in der Provinz. Ein zweites wichtiges Merkmal sei, dass es sich um gesamtgesellschaftliche Bewegungen handele, die keineswegs nur den Sektor der Produktion umfassten. Und er hob die besondere Rolle der Frauen für das Gelingen dieser Modelle hervor: „Wenn die Bewegung von Frauen getragen wird, dann läuft’s.“
Von großer Bedeutung ist auch, dass Rätebewegungen fast immer von gesellschaftlichen Krisensituationen ausgelöst wurden. Dies hatte zur Folge, dass sie sich nie autonom entwickeln konnten sondern dass es immer Angriffe von außen gab – verbunden mit unfassbar brutaler Gewalt, um ein Exempel zu statuieren. Militärische Gewalt war dann auch der Hauptgrund für das Scheitern der Bewegungen. Es gibt aber auch das Phänomen der nachlassenden Energie oder (wie im Falle Russlands) die Vereinnahmung der Bewegung durch eine Partei.
Abschließend informierte der Referent über die aktuelle Situation in Rojava und betonte die Notwendigkeit, auch weiterhin Solidarität zu üben.
In der Diskussion wurden zunächst einzelne Elemente der Rätebewegungen diskutiert, wie zum Beispiel das imperative Mandat. Dann konzentrierte sich die Diskussion auf die Frage, was das alles für unser eigenes politisches Handeln heißt: Wie können wir neben der Solidarität mit entsprechenden Bewegungen weltweit auch bei uns Bewegungen unterstützen, die basisdemokratische Konzepte schon umsetzen, und wie können diese Bewegungen sich koordinieren? Denn auch hier gilt: „Alles muss man selber machen.“
Hier finden Sie unsere Einladung zu der Veranstaltung:
Der Verein Städtepartnerschaft Oldenburg-Raqqa e. V. und die Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen laden ein zu einer
Lesung und Diskussion mit Christopher Wimmer
am Freitag, 10. April 2026, um 18:30 Uhr
im Kulturzentrum PFL, Peterstr. 3 (räumlich barrierefrei)
“Alles muss man selber machen” ist ein Buch über Menschen, die sagen: So kann es nicht weitergehen – wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand.
Ob in den Straßen von Paris 1871, den Fabriken Petrograds 1917, den Städten und Dörfern Nordsyriens oder im Urwald von Chiapas – überall entstanden im Zuge von sozialen Konflikten und Aufständen Räte: Selbstorganisierte Zusammenschlüsse in allen gesellschaftlichen Bereichen, die nicht nur protestieren, sondern beginnen, das gesamte Leben neu zu gestalten.

Christopher Wimmer erzählt in lebendigen Szenen, wie solche Bewegungen entstehen, wie sie funktionieren – und woran sie oft auch scheitern. Er zeigt an unterschiedlichen historischen Beispielen, wie Menschen Schulen und Krankenhäuser selbst verwalten, wie sie Entscheidungen im Kollektiv treffen, Güter verteilen, Streit schlichten, sich verteidigen – ohne zentrale Regierung oder Staat.

Dieses Buch bringt Geschichte zum Sprechen: mit Geschichten von Mut, Hoffnung, aber auch Niederlagen. Es fragt, was wir von den Rätebewegungen vergangener und heutiger Tage lernen können – für eine selbstverwaltete und demokratische Gesellschaft, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern im Alltag gelebt wird.
Da Christopher Wimmer auch ein Buch über Rojava geschrieben hat („Land der Utopie? Alltag in Rojava“, Edition Nautilus) können wir den Abend auch nutzen, um über die aktuelle Entwicklung in Syrien und die Angriffe auf die kurdische Selbstverwaltung zu sprechen.
Der Autor
Christopher Wimmer promovierte an der Humboldt-Universität bis 2023 in der Soziologie zum Thema „Mangel und Notwendigkeit. Theorie, Alltagsleben und Bewusstsein der marginalisierten Klasse in der Bundesrepublik“. In den Jahren 2022 und 2023 hat er mehrere Monate in Rojava gelebt.
Die Veranstalter*innen

Der Verein Städtepartnerschaft Oldenburg-Raqqa e.V. setzt sich für die Völkerverständigung zwischen den Menschen in Deutschland und den Menschen in Nord- und Ostsyrien ein. Aufgrund der aktuellen Entwicklung in Syrien kann der ursprüngliche Vereinszweck einer Städtepartnerschaft mit Raqqa leider nicht weiterverfolgt werden. Daher wird der Verein sich neu orientieren und umbenennen. Weitere Informationen: https://ol-raqqa.de.

Die Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen fördert die Diskussion einer Gesellschaftspolitik nach ökologischen, basisdemokratischen und gewaltfreien Grundsätzen. Weitere Informationen: https://www.slu-boell.de
